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Nachruf für Pater Matthias

Etwas fehlt … jemand fehlt …

Es fällt mir schwer, den Nachruf über jemanden zu schreiben, der immer das Vorwort für das Textheft der Salmünsterer Passion verfasst hat: Pater Matthias Kircher, von uns liebevoll „PM“ genannt, den Gründer der Salmünsterer Passion. Dieser Nachruf soll jedoch mehr eine Danksagung sein! PM verdient etwas Herzliches und Lebendiges wie eine Danksagung, denn so war er und so möchten wir ihn in Erinnerung behalten!
Pater Matthias OFM wurde als Anton Kircher am 1. September 1936 in Großenbach in der Rhön geboren, arbeitete während seiner Kinder- und Jugendjahre und Urlauben vom Klosterleben auf dem Hof seiner Familie, wurde 1963 zum Priester geweiht und kam nach einigen anderen Stationen 1982 nach Salmünster, wo er 23 Jahre als Pfarrer wirkte. Immer wieder war er auch Guardian des Konvents der Franziskaner oder dessen Vikar. In Anerkennung seiner Verdienste im Bistum Fulda wurde ihm außerdem der Titel „Geistlicher Rat“ verliehen.
1983 führte er zum ersten Mal ein auf der Passionsgeschichte basierendes fünfzehnminütiges Anspiel während der Palmsonntagsmesse auf und hauchte damit dem Geist der Salmünsterer Passion Leben ein. Die mit PM spielenden Kinder und Jugendlichen schrieben das Stück um, verlängerten es und führten es alsbald – ausgestattet mit mehreren Bussen und LKW zum Transport der eigens gebauten Bühne und selbst geschneiderten oder in den Passionsspielorten Oberammergau, Ötigheim und Sömmersdorf anfangs geliehenen Kostüme, den mitreisenden Musikern und manchmal sogar bis zu 130 Darstellern – in bis zu 140 km entfernten Gemeinden an den Wochenenden in der Fastenzeit auf. Überall war PM dabei – auch wenn es ihn vor große organisatorische Herausforderungen innerhalb der Kirchengemeinde Salmünster stellte und viele Mitarbeiter und Gemeindemitglieder in der Passionszeit fünfe gerade sein lassen mussten oder ihnen die Haare zu Berge standen.
PM war Teil der Passionsspielgruppe und nicht deren „Oberhaupt“. Er war Mitspieler unter vielen anderen, spielte zumeist den Simon in der Szene „Salbung von Bethanien“, brachte Generationen von Regisseuren zunehmend an den „Rand des Wahnsinns“ mit seinen (oft gut begründeten) Verspätungen oder Texthängern. Unvergessen die Momente, wenn sein Auftritt nahte und wir fast alle wussten, dass er noch irgendwo einen Gottesdienst zu halten hatte oder noch im Pfarrheim mit den anderen auf ihre Auftritte wartenden Mitspieler beim Würstchenessen saß. Doch er schaffte es immer irgendwie.

Dieses Vertrauen, das wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Salmünsterer Passion in ihn hatten, das schenkte er uns von Anfang an. Geerdet, naturverbunden, bescheiden, unkompliziert und einfach authentisch säte er den franziskanischen Geist in uns. Er kniff uns in die Wange, lachte laut und schallend und klopfte sich dabei oft auf die Schenkel, schien mit sich im Reinen, stets gelassen, echauffierte sich nie und geriet selten aus der Fassung oder war gar unhöflich. Vorurteilsfrei, Andere wertschätzend, freiheitsliebend, freundlich und in seinem Wesen jemand, den man im positivsten Sinne als kindlich beschreiben könnte, sah er die Welt und seine Mitmenschen voll Liebe, Güte, Neugier und Freude an.

Wir kannten ihn sowohl in der Kutte als auch im Jogginganzug, wenn er mit uns Fußball spielte und voll diebischen Spaßes einmal eine Lampe im Pfarrheim ausschoss. Die Älteren aus unserer Gruppe durften einmal sogar dank ihm den VW-Bus der Gemeinde leihen und versuchten damit, nach Frankreich zu gelangen – dass dieses Unternehmen wegen des plötzlichen Ausbrennens des Busses misslang, sei nur am Rande schmunzelnd erwähnt.

Wir wussten um sein Lieblingsessen (Spaghetti mit Tomatensoße), das es sowohl während vieler Passionsproben als auch während der Sternsinger- Touren gab; mussten über seine kurzen, prägnanten Sätze und Lebensweisheiten lachen und mit ihm, wenn diese wieder einmal durcheinander gerieten; brachten uns in Sicherheit, wenn er wieder einmal unter Zeitdruck stehend mit seinem blauen Ford durch die Salmünsterer Innenstadt brauste; wussten, dass er es war, der oft zu laut mitten in der Nacht in der Pfarrkirche Orgel spielte und wussten darum, dass er viele von uns vor allem in unseren musisch-kreativen Möglichkeiten förderte und forderte.

Dass wir mit seinem Tod am 24. November 2015 einen wunderbaren Mitmenschen, Freund, Förderer und Vertrauen schenkenden „Versteher“, einen teils chaotisch-liebenswerten Franziskanerbruder und Seelsorger sowie ein Geschenk des Himmels verloren haben, war uns allen gleich klar! Den ersten herben Verlust erlebten wir Salmünsterer mit dem Weggang unserer Franziskaner und den Ordensschwestern aus dem Orden der Hl. Elisabeth im Jahre 2004. Ein Großteil der Brüder wurde daraufhin im Kloster Frauenberg in Fulda ansässig und wieder tätig.

Der Trauergottesdienst in der Pfarrkirche am Frauenberg in Fulda, der zugleich eine Hommage an das Leben und an die durch ihn verkörperten franziskanischen Ideale war, legte aufgrund der enormen Menschenansammlung vornehmlich junger Menschen Zeugnis davon ab, dass Gott mit PMs Dahinscheiden aus dieser Welt eine große Lücke aufgetan hat, die niemand derart zu füllen vermag. Seine ihn ebenfalls bis in die entferntesten Verwandtschaftsgrade liebende Familie muss diese Dankbarkeit und Verbundenheit während des Trauergottesdienstes und der anschließenden Trauerfeier gleichsam gespürt und hoffentlich als kleinen Trost über Anton Kirchers Tod empfunden haben.

Und so bleibt mir nur im Namen aller die Salmünsterer Passion bisher in Regieteams inszeniert habenden Regisseurinnen und Regisseure Alexandra Heil, Stefan Xenakis, Stefan Poppe, Georg Schier, Armin Leistenschneider, Uta Mühle, Steffen Zahn, Andreas Fuchs, Torsten Buchhold, Maria Hummel, Jutta Körber, Christina Gebhardt wie zugleich allen Passionsspielern innerhalb der vergangenen 35 Jahren ein herzliches „Vergelt’s Gott, lieber PM, und auf Wiedersehen!“ zu sagen.

etwas fehlt … jemand fehlt …

Nathalie Baron
Spielleiterin in den Jahren 2004 und 2008